Kranzniederlegung vor der Gedenkstätte Jakob Hutters
 Innsbruck 8. 11. 2003
Karl Amesbauer

Sehr geehrte Damen und Herren!

Vielen Dank, dass Sie dem Aufruf zu dieser Kranzniederlegung gefolgt sind. Es spielt keine Rolle, wie viele Menschen heute gekommen sind, ob es zehn sind oder tausende.

Diese Kranzniederlegung ist eine symbolische Geste zur Aufarbeitung eines dunkeln Kapitels der Religionsgeschichte Österreichs. Auch der Kranz hat symbolische Bedeutung: Das Grün des Kranzes symbolisiert das schöne Land Österreich. Die roten Rosen - das Blut welches an Jakob Hutter, an den Hutterern, und im weiteren Sinne an allen Opfern religiöser Intoleranz vergossen wurde. Die weißen Rosen symbolisieren ihre christliche Glaubensüberzeugung und ihre guten Absichten, die Sie verfolgt haben, denn sogar ihre Verfolger und Scharfrichter mussten widerwillig die Frömmigkeit und den Mut ihrer Opfer anerkennen.

Das Täufertum, zu dem sich auch die Hutterer zählten, war in seinem Kern eine bewusste christliche Reformationsbewegung, deren zurückhaltender Lebensstil und die praktische Nächstenliebe sprichwörtlich wurden.

Die Unterdrückungspolitik Ferdinands I. war grausam und kannte kein Erbarmen. Der Anspruch auf die zweifelhafte Ehre, die Täuferbewegung in Tirol in ihrem eigenen Blut erstickt zu haben, steht Erzherzog Ferdinand I. (1503 - 1564) zu, der 1521 in den Besitz der österreichischen Erblande und Tirols gelangte (später kam auch noch Mähren in seinen Besitzbereich, in das vorher viele Hutterer geflüchtet waren). Ferdinand, damals erst achtzehn, wurde in der spanischen Tradition erzogen und kannte weder die Sprache noch die Kultur seiner Untertanen. Mit seinen überzogenen Vorstellungen von seiner persönlichen Macht kam er in die alten Stammländer der Habsburger.

Und als Habsburger zeigte er sich in Religionssachen als Eiferer ohne jeglichen Selbstzweifel. Er sah seine gottgegebene Aufgabe darin, das Corpus Christianum zu erhalten und die ihm anvertrauten Gebiete von Häresien zu reinigen. Für ihn war das Täufertum eine „verdambte, verfuerisch, kätzerisch secten“, gegen die es erforderlich sei, eine Unterdrückungskampagne zu führen, welche in seinen Erblanden (Österreich) ca. zweitausend Hutterern das Leben kostete. Männer wurden bei Nicht-Widerrufen geköpft oder verbrannt, manchmal beides. Frauen wurden ertränkt. Um die Kinder hat man sich "bemüht, sie wieder dem rechten Glauben zuzuführen".

Liebe Österreichinnen und Österreicher! Unser Land wird aufgrund seiner Schönheit sehr geschätzt. Viele Ausländer und Urlauber kommen aus diesem Grund zu uns. Aber eines ist mir aufgefallen, seit ich mich etwas mit der Religionsgeschichte unseres Landes auseinandergesetzt habe: wir achten das Spirituelle, das hier entstanden ist, gering.

Hier möchte ich ein wenig die „interreligiöse Verständigung und Zusammenarbeit“ ins Spiel bringen, welche diese Aktion gesetzt hat. Die IVZ ist in Österreich entstanden und versucht, alle Religionen zu respektieren und wertzuschätzen. Sie versucht, Freundschaften zu errichten und Zusammenarbeit zu fördern, und sie versucht auch, das Spirituelle zu achten, das im eigenen Land entstanden ist.

Aus diesem Grund entwickelte sich auf unserer Webseite religionen.at jüngst die Unterseite „Religionen aus Österreich“. Dort werden zur Zeit vier* religiöse Bewegungen und Gemeinschaften aufgezeigt, die in unserem Land entstanden sind und die im Begriff sind, zu weltweiten Bewegungen zu werden, sofern sie es nicht schon sind.

Es lebt keine einzige Hutterer-Familie mehr in Österreich, geschweige denn eine Kolonie, so nennen sie ihre Gütergemeinschaften (Hier könnte man „Religionen aus Österreich“ in einem zweideutigem Sinne gebrauchen).

Fragen wir uns: Was hätte sein können, wenn die Hutterer nicht so unterdrückt worden wären? Stellen wir uns vor: Wie könnte Österreich heute aussehen, wenn durch sie eine gewisse Reformation stattgefunden hätte? Denn sie stellten den dritte Flügel der Reformation dar, sie traten schon zu ihrer Zeit für die Gewissensfreiheit, für Toleranz, Friede und Pazifismus, die Trennung zwischen Kirche und Staat, und auch für die Gütergemeinschaft ein?

Wir möchten hier nicht spekulieren, aber diese Fragen sollen uns helfen, den Bogen zu spannen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart.

Wir wissen, wie notwendig es ist, die Zeitgeschichte des Holocaust aufzuarbeiten. Auch die Religionsgeschichte sollte dabei kein Stiefkind bleiben. Die Vergangenheit kann uns helfen, die Gegenwart zu bewältigen, und wenn wir die Gegenwart bewältigen, werden wir auch Zukunft haben.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

 (Fotos)

* die fünfte wöllte nicht auf unserer Webseite sein, deshalb wurde sie wieder entfernt.