Annemarie Kury
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Liebe Bosnienunterstützer, liebe Bosnieninteressierte!

Mit mehr als 150 Fahrten mit humanitärer Hilfe will und kann ich nicht aufhören mit den Besuchen bei Menschen in bitterster Not in Bosnien. Aufhören möchte ich nur mit dem Zählen, nicht allerdings mit dem Erzählen.
Im November 2004 hatte ich wunderschöne, warme Sachen bekommen, die schnell vor dem Winter nach Bosnien gebracht werden mussten. Nach einer Anfrage beim Therapiezentrum Koraci Nade in Tuzla waren diese bereit, mit dem von uns geschenkten Kleinbus nach Zagreb (halber Weg) zu kommen.
Am 18. November trafen wir einander bei der Autobahnmautstelle Zagreb (Umkehrmöglichkeit). Ich konnte den Inhalt von meinem pumpvollen Golf in den Koraci-Nade-Bus laden und wieder nach Wien zurück fahren. Doch die bosnischen Zollbeamten ließen den vollen Bus nicht nach Bosnien. Die Beamten verlangten Zoll, und so stand der Bus zwei Tage, bis dies geklärt werden konnte. Das heißt, zwei Tage konnten die behinderten Kinder nicht zur Therapie gebracht werden.
Wir sehen daher, dass es immer schwieriger wird, Hilfe nach Bosnien zu bringen.

Am 18. März 2005 war meine nächste Fahrt. Wir waren zwei Autos: in einem waren Werner Biffl mit Georg Motylewicz, dem Fernsehjournalisten, der für den ORF filmte, und im zweiten fuhr ich mit Dalibor und Miroslav, den beiden bosnischen Medizinstudenten, die ihre Osterferien zu Hause in Tuzla verbringen wollten. Auch diesmal hatten wir Schwierigkeiten an der bosnischen Grenze, nur mein Auto ließen sie durch. Das Auto mit Werner und Georg musste zurück nach Kroatien. Wie verschieden die Grenzverordnungen ausgelegt werden sahen wir, da das abgewiesene Auto bei einem anderen Grenzübergang ganz problemlos nach Bosnien einreisen durfte, nach drei Stunden waren wir in Tuzla wieder glücklich vereint.

Nach einer erholsamen, aber sehr kalten Nacht bei unseren schon liebgewonnenen, sehr gastfreundlichen Quartiergebern hatten wir den ersten Kontakt im EUFOR-Camp in Tuzla. Zu meiner großen Freude sind seit November österreichische Soldaten dort im Einsatz. Bei den Soldaten trafen wir mit dem neuen österreichischen Botschafter Dr. Almhofer, mit Herrn Mag. Ebner vom OHR ( = höchstes UNO-Amt in Bosnien) und Herrn Michael Maierl vom Innenministerium zusammen. Und alle drei Herren begleiteten uns anschließend zu behinderten Kindern und zu einer großen Familie mit fünf Kindern, die mit einem Einkommen weit unter der Armutsgrenze leben muss. Dass diese hohen Beamten so viel Interesse und Mitgefühl zeigen, gibt viel Hoffnung.
Die nächsten Tage waren ausgefüllt mit 32 Hausbesuchen bei „unseren“ Patenkindern und zusätzlich mit Besuchen in Spitälern und im Therapiezentrum.

Unterbrochen wurden die Arbeitstage mit dem Festtag in Tuzla anlässlich der 150 Fahrten.
Schon am Vormittag wurde ich von den Mitarbeitern des Therapiezentrums zu einem Besuch ins Salzmuseum und zu einer Gemäldegalerie gebracht.
Anschließend war, für mich völlig überraschend, ein Fest im Kulturzentrum mit Ehrungen von Kanton und Gemeinde, mit Darbietungen von behinderten und gesunden Kindern, mit Theater, Gymnastik, Tanz und Gesang. Mütter, die noch nie auf einer Bühne standen, bedankten sich mit einfachen, aber so herzlichen Worten, und wenn sie vor Scheu nicht reden konnten, umarmten sie mich und überreichten mir ihre Handarbeiten. Viele unserer Patenkinder waren gekommen, viele Freudentränen flossen. BESCHREIBEN kann ich dies gar nicht!
Einige unserer betreuten Familien konnten schon in ihre einigermaßen wiederhergestellten Häuser zurückziehen. Es fehlt noch vieles, vor allem Verdienstmöglichkeit und damit auch oft die Krankenversicherung.
Um diesen Menschen eine Existenzgrundlage zu geben, haben sich Jugendliche in Wien-Gersthof etwas besonders ausgedacht: „Wir wollen Schafe für Bosnien kaufen und uns das Geld hierfür erwandern. Wir suchen Sponsoren, die uns für jeden zurückgelegten km unserer 30 km langen Strecke einen selbst bestimmten Betrag zahlen. Davon kauft Annemarie Kury in Bosnien Schafe und bringt sie zu den bedürftigsten Familien. “Schafe schaffen Hoffnung – Schaschaho . . . !!!
Die Wanderung war schon und hat mehr als 10.000.- Euro gebracht.
So konnte ich in der Karwoche mit Hilfe der österreichischen EUFOR-Soldaten eine gelungene Aktion starten: die ersten 20 Schafe kaufen und verteilen. Wieder gab es Freudentränen!

Als Dankeschön konnte ich am Gründonnerstag für die Kapelle der Soldaten eine handbemalte große Osterkerze aus der Benediktinerinnenabtei St. Gabriel in der Steiermark bei einer ökumenischen Feier übergeben.
Am Karfreitag besuchte ich die Eltern unseres Sevko, er ist im Dezember 47jährig, wie die Eltern sagten, „in das Paradies übersiedelt“. Die letzten zwei Jahre (MS krank) konnten wir ihm ein wenig erleichtern. Er freute sich immer so über unser Kommen! Ich durfte/musste auf seinem leeren Bett sitzen und hörte den Eltern zu. Vier Söhne hatten sie, jetzt sind sie alt, krank, allein und mit einer Pension von 70.- Euro im Monat für zwei Personen. Die Miete für das Zimmer (50.- Euro/Monat) haben wir weiter bezahlt.
An demselben Nachmittag explodierte 40 km entfernt eine Antipersonenmine: ein Toter, ein Schwerstverletzter. Die Minengefahr ist noch Jahrzehnte! Wenn alle 174 Entminungsfirmen der Welt täglich in Bosnien arbeiten würden, wären in 75 Jahren erst 80% der Minen in Bosnien entschärft.
Karsamstag: Fahrt nach Brcko zu einer alten einsamen mittellosen Frau. Mein Auto wird gestoppt; es ist ein Begräbnis, bei dem nach muslimischen Ritual Frauen nicht dabei sein dürfen. Männer standen in langen Reihen zu beiden Seiten der Straße, dann wurde der in weißes Leinen eingewickelte Tote auf ein Brett gelegt und mit einem grünen Tuch nochmals überdeckt. Die Männer traten zusammen und gaben das Totenbrett immer weiter bis zum Friedhof. Es waren die Gebeine eines jungen Mannes, der im Jahr 1992 16 Jahre alt war und nun mit anderen Gebeinen von damals erschossenen jungen Burschen gefunden wurde.

Den Ostersonntag sollte ein Ruhetag sein, doch nach dem Gottesdienst erinnerte mich Miroslav, dass noch neue Familien auf mich warten.
Die erste Familie fanden wir in einem Abbruchhaus in einem Zimmer ohne Fensterglas, ohne Türen, ohne Wasser, ohne Strom. Eine Frau mit sechs Kindern, die vor ihrem Mann flüchten musste, da er als Alkoholkranker immer aggressiver (auch den Kindern gegenüber) wurde. Wie sie die sieben Monate überlebt hat, weiß sie nicht: frierend, hungernd, verzweifelt. Kein Einkommen, keine Krankenkasse! Hunger ist Folter!
Die zweite Familie: eine verzweifelte Frau mit einem schwerstbehinderten Kind, einen Kriegsinvaliden zum Mann. Sie hat wenigstens zur Zeit eine kostenlose Wohnung, da niemand weiß, wem die Wohnung gehört. Wenn sie beim Sozialamt um Geld bittet, wird sie beschimpft und ganz unregelmäßig bekommt sie 25.- Euro Neue Patenschaft.
Die dritte Familie besteht aus einem psychisch kranken Vater, einer überforderten Mutter, einem fröhlichen 10jährigen gesunden Mädchen und einem 5jährigen spastisch gelähmten und auch geistig zurückgebliebenen Buben. Ein kleines Haus mit Garten haben sie, aber kein Einkommen. Neue Patenschaft und zwei Wunschziegen!

Montag: Besuch im Waisenhaus in Tuzla bei unserem Patenkind Seifo und Verhandlungen wegen unserer Nermina, die eine von auswärtigen Spenden bezahlte Volontärstelle dort hatte, aber derartig ausgenützt wurde, dass ich diese Überbelastung für Nermina nach ihrer Chemotherapie nicht verantworten konnte. 
Sie kann ab 1. Mai eine hoffentlich leichtere Arbeit bekommen.

Dienstag ging es nach Sarajevo, dort Spaziergang zu den Bosnaquellen, die ganz kräftig aus dem Berg hervorschießen. Solche kräftige Quellen braucht Bosnien in vieler Hinsicht.

Mittwoch war eine Einladung des österreichischen Botschafters Dr. W. Almhofer anlässlich meiner 150. Fahrt zu einer gemütlichen Jause in der Botschaft mit Ansprache, Blumen, Geschenken, und ich konnte einige Bilder „Bosnien nach dem Krieg“ zeigen. Dieser gute Kontakt zur österreichischen Botschaft freut mich sehr und erleichtert mich und meine Arbeit.
Die letzten Hausbesuche in Zentralbosnien (Kiseljak und Kotor Varos) verliefen sehr positiv, die Familie von Resada werden wir noch heuer aus der Patenschaft entlassen können. Obwohl dies für mich nach 12 Jahren Begleitung auch schmerzlich ist.

So vergingen die 15 Tage (von 18. März bis 1. April) in Bosnien mit 3.500 km auf Straße und Wegen sehr schnell.
Ganz überraschend konnte ich Freitag, 22. April, mit einer österreichischen Delegation mit der österreichischen Außenministerin nach Sarajevo fliegen und einen symbolischen Scheck für weitere Schafe übergeben. Geplant ist auch einen österreichischen Zuchtwidder vom österreichischen Schafzuchtverband über Vermittlung des Landwirtschaftsministerium nach Bosnien zu bringen. Dies musste besprochen werden. Die Vernetzung unserer Aktionen mit Stellen des Außen- und Landwirtschaftsministeriums und auch bosnischen Stellen ist jetzt sicher gut.

Diesen wunderschönen symbolischen Scheck (Schafe) konnte ich gegen die von der EUFOR neuerstellten Minenkarte tauschen. Vor zehn Jahren tauschte ich mit einem Kind meine Schuhe gegen eine Granathülse, so ändern sich die Tauschgeschäfte!

In Österreich sind heuer besonders viele Jubiläumsfeiern: Kriegsende, Staatsvertrag, EU-Beitritt; die alten Zeiten ziehen in Bildern bei uns Älteren vorbei, die Jugend fragt manchmal, warum wir den 2.Weltkrieg nicht verhindert und die Judenvernichtung nicht aufgehalten haben.
Konnten wir den Krieg in Bosnien-Herzegovina verhindern? NEIN! Können wir das Leid in Bosnien verringern ? JA!
Ich bitte immer wieder um Kraft, die Dinge zu ändern, die ich, wenn auch mit Anstrengung, ändern kann. Alles können wir nicht ändern, auch das müssen wir akzeptieren.
So DANKE ich ALLEN, die mit ihren Spenden von Geld, Zeit, guten Ideen, liebevollen Gedanken, Zuhören und Lesen mitgeholfen haben, sinnvoll zu helfen.

Bis zum Herbstbericht wünsche ich eine gute, schöne Zeit!

Mit lieben Grüßen

Eure/Deine/Ihre

PS. Ob und wann der Filmbeitrag über die Bosnienaktion in der Sendereihe Thema (jeweils montags abend 21.05 Uhr ORF 2) kommt ,weiß ich leider nicht!

 

annemariekury@hotmail.com

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